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Der Zauberwald

© Shobha C Hamann 2010

Es war einmal vor langer Zeit und doch nicht so lange her ein großer Wald, der sich über viele Berge und Täler erstreckte, und in dem Bäume von vielerlei Art wuchsen, Buchen, Eichen und Tannen, Föhren, Ahorn, Eschen und Birken standen da beieinander, bildeten Gruppen, dunkle, geheimnisvolle Ansammlungen oder luftige Lichtungen. Viele Waldpflanzen lebten dort - Fingerhut, Farn und Eisenhut, vielerlei Beeren und Pilze gediehen auf seinem fruchtbaren Boden. Der Wald war erfüllt von Leben, und bot Heimat für zahlreiche Tiere. Kreuzschnabel, Käuzchen, Häher, Ente und Schwarzstorch bauten ihre Nester auf Ästen und in Baumhöhlen, Eichhörnchen sprangen und kletterten in den Bäumen herum, und Dachse, Wildschweine, Füchse, Mäuse, Wiesel, Marder, Rehe, Hirsche, Braunbären und Hasen lebten auf seinem Boden und natürlich summten und knisterten Käfer, Fliegen, Würmer, Wespen und Ameisen. Tief im Waldesinneren wohnte das Einhorn, denn es war ein Zauberwald, der Leben spendete und alles in seinen Schutz hüllte.
    Einmal, als es schon Herbst wurde, stiegen die Morgennebel auf und umspielten den Waldboden und das Unterholz weiß und weich, hinterließen Tropfen auf Blättern und Zweigen und färbten sich golden, als die Sonne aufging. An diesem Morgen schritt die Nebelfrau am Waldrand entlang, eine hagere Gestalt in blassgraues, verschlissenes Leinen gekleidet. Sie war ganz vertraut mit dem Wald, kannte jede Pflanze und jedes Tier und wusste, wie es um sie stand. Heute morgen hatte sie in der Zauberkugel, die sei in ihrer Hütte aufbewahrte, gesehen, dass eine Veränderung bevorstand und so ging sie nun mit einem Körbchen am Arm am Waldrand entlang und sammelte Pilze und Beeren.
    Und tatsächlich, es dauerte nicht lange, da hörte sie Pferdehufe und Eisenklirren. Vor ihr tauchte ein Ritter auf. Ganz in Eisen gekleidet saß er auf einem hohen schwarzen Pferd. Auf seinem Wappenzeichen war ein Paradiesvogel abgebildet, der seine Schwingen ausbreitete um sich in die Lüfte zu erheben.
    Still blieb die Nebelfrau stehen, doch der Ritter hatte sie gesehen, er trabte auf sie zu und hielt dann sein Pferd an.
    "Holla, alte Frau. Ich grüße dich!" rief er vom Pferd herab.
    "Ich grüße dich auch", murmelte die Nebelfrau.
    "Ich habe nicht viel Zeit, drum will ich gleich zur Sache kommen", fuhr der Ritter fort, "drum sag du, alte Frau, hier im Wald soll es ein Einhorn geben, wo wohnt es?"
Die Nebelfrau frage: "Warum willst du das wohl wissen, o Ritter?"
    "Na, ich werde es bekämpfen und erlegen. Ich habe schon einen Kobold, einen Zwerg und als Letztes einen Drachen erlegt, Nun ist das Einhorn dran, danach werde ich noch den Lebensbaum umsägen, und dann ist endlich Schluss mit diesem Schabernack!" rief der Ritter und seine schwere Rüstung klirrte bedrohlich.
    "O, Herr Ritter", murmelte die Nebelfrau, "da muss euch jemand einen Bären aufgebunden haben, denn ein Einhorn gibt es hier nicht, selbst Rehböcke und Hirsche können nicht gut in diesem Wald leben."
    "Alte, pass auf, wenn du mich anlügst, werde ich dich aufspießen", rief der Ritter wütend, doch die Nebelfrau war verschwunden, als hätte sie sich in Nebel aufgelöst. Der Ritter galoppierte nun am Waldrand entlang und man hörte sein Pferd wiehern als er ihm die Sporen in die Flanken trat.

Nun war guter Rat teuer. Die Waldfrau ging zur Eule und zum Eichelhäher und forderte die Eule auf, die Nachtbewohner und den Eichelhäher, die Tagbewohner zu einer Versammlung zu rufen, die morgen in der Abenddämmerung auf der Lichtung mit den zehn Birken stattfinden sollte. Zum vereinbarten Termin erschienen alle Tiere, sowie die Elfen, Trolle und Zwerge. Es herrschte reges Geschnatter, Brummen, Grunzen und Tschirpen, doch dann wurde es auf einmal ganz still - das Einhorn betrat die Lichtung. Seine silbrige Mähne floss anmutig über sein strahlend weißes Fell, und ein helles, sanftes Leuchten umgab es als es zierlich einen Huf vor den anderen setzte.
    Nun erzählte die Nebelfrau, was sie erlebt hatte. Eine Elfe sagte danach: "Das stimmt, unsere Königin hat uns mitgeteilt, dass Drago, der alte Drachen von Drachenfels erschlagen wurde, wo er den Schatz des Waldvolkes hütete." Und ein Zwerg sagte: "Ja, vor ein paar Wochen wurde mein Onkel umgebracht." Und ein Kobold sagte: "Auch ich muss euch erzählen, dass vor ein paar Monaten mein Bruder Wofo von einem Ritter ermordet wurde."
    Nun wurden die Waldbewohner sehr traurig und manche begannen zu weinen.
    "Sollte unser schöner Wald zerstört und mein Leben vernichtet weden", hub nun das Einhorn an, "nur weil es einen Ritter gibt, der uns Zauberwesen hasst? Ich sage euch: NEIN. Lasst uns einen Weg finden, wie wir die Bedrohung von uns abwenden können."
    "Was sollen wir tun?" "Mir fällt nichts ein" "Ja, wir wehren uns!" riefen die Waldbewohner durcheinander.
    "Ich schlage vor", sagte das Einhorn, "dass wir kleine Gruppen bilden und jede soll sich einen Vorschlag ausdenken, und dann nehmen wir den Besten."
    "Au ja, fein", riefen die Tiere und die übrigen Waldbewohner und begannen sofort an ihrer Aufgabe zu arbeiten.

Eine ganze Weile später, es war schon dunkel geworden und eine silberne Mondsichel leuchtete vom Himmel, trafen alle wieder zusammen. Der Dachs sagte: "Der Fuchs und ich wollen ein Loch graben, in das hinein der Ritter stürzt und dann fressen ihn die Ameisen und die Mistkäfer auf." "Fein, das machen wir", riefen einige begeistert. Die Nebelfrau sagte: "Ich locke ihn in meine Hütte, dort schlag ich ihm die Zauberkugel auf den Kopf und wenn er ohnmächtig ist, binden ihn die Zwerge mit Bast und die Waldelfen flößen ihm einen Liebestrunk ein, damit er auf andere Gedanken kommt."
    "Klasse, wir helfen", riefen die Kobolde.
    Ein Rabe sagte: "Wir Raben und die Eichelhäher überfallen ihn und hacken auf seinen Helm bis er taub ist, und derweil stoßen ihn die Hirsche und Rehböcke mit ihrem Geweih in den Hintern, dass er nicht mehr auf seinem Pferd sitzen kann."
    "Ja, ja, wir helfen hacken", riefen die Kreuzschnäbel aufgeregt.
    "Halt, halt", sagte nun das Einhorn mit seiner vollen warmen Stimme. "Was tun wir da - merkt ihr nicht, dass wir schon genauso brutal werden wollen wie der angebliche Ritter? Können wir nicht einen anderen Weg finden, indem wir unsere Liebe und Güte walten lassen?"
    Da wurden die Waldbewohner ganz still. Unter der Anleitung des Einhorns begannen sie zunächst, ihre Energie und Liebe zu sammeln, bis die ganze Lichtung in ein goldenes, vibrierendes Schimmern gehüllt war. Die Nebelfrau sang dann zusammen mit den Waldelfen Lieder des Heilens und des Segens. Danach sandten alle gemeinsam Wellen des goldenen Lichts an den Ritter, wo immer er sich befand. Und zu guter Letzt sprachen das Einhorn, die Nebelfrau, die Elfenkönigin und wer sonst noch in diesem Wald zaubern konnte, den Zauber des Vergessens aus. Der Zauber wirkte so gewaltig, dass seitdem alle Menschen den Zauberwald vergessen haben.

    Seine Einwohner leben in Glück und Frieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

    Ein Nachwort:
    Manche werden sich noch fragen, was aus dem Ritter geworden ist. Nun, eines Nachts hatte er einen Energieschub, den er sich nicht erklären konnte, und dann bekam er Lust, weiterzureisen. Unterwegs traf er ein Ritterfräulein, und ganz allmählich verließen ihn die unbändige Kraft und das Misstrauen, die ihn dazu getrieben hatten, den "Schabernack" vernichten zu wollen. Ein richtig Guter ist er nie geworden, aber ein Besserer, besonders wenn das Ritterfräulein seinen Rücken massierte.