
Nun war guter Rat teuer. Die Waldfrau ging zur Eule und zum Eichelhäher und forderte die Eule auf, die Nachtbewohner und den Eichelhäher, die Tagbewohner zu einer Versammlung zu rufen, die morgen in der Abenddämmerung auf der Lichtung mit den zehn Birken stattfinden sollte. Zum vereinbarten Termin erschienen alle Tiere, sowie die Elfen, Trolle und Zwerge. Es herrschte reges Geschnatter, Brummen, Grunzen und Tschirpen, doch dann wurde es auf einmal ganz still - das Einhorn betrat die Lichtung. Seine silbrige Mähne floss anmutig über sein strahlend weißes Fell, und ein helles, sanftes Leuchten umgab es als es zierlich einen Huf vor den anderen setzte.
Nun erzählte die Nebelfrau, was sie erlebt hatte. Eine Elfe sagte danach: "Das stimmt, unsere Königin hat uns mitgeteilt, dass Drago, der alte Drachen von Drachenfels erschlagen wurde, wo er den Schatz des Waldvolkes hütete." Und ein Zwerg sagte: "Ja, vor ein paar Wochen wurde mein Onkel umgebracht." Und ein Kobold sagte: "Auch ich muss euch erzählen, dass vor ein paar Monaten mein Bruder Wofo von einem Ritter ermordet wurde."
Nun wurden die Waldbewohner sehr traurig und manche begannen zu weinen.
"Sollte unser schöner Wald zerstört und mein Leben vernichtet weden", hub nun das Einhorn an, "nur weil es einen Ritter gibt, der uns Zauberwesen hasst? Ich sage euch: NEIN. Lasst uns einen Weg finden, wie wir die Bedrohung von uns abwenden können."
"Was sollen wir tun?" "Mir fällt nichts ein" "Ja, wir wehren uns!" riefen die Waldbewohner durcheinander.
"Ich schlage vor", sagte das Einhorn, "dass wir kleine Gruppen bilden und jede soll sich einen Vorschlag ausdenken, und dann nehmen wir den Besten."
"Au ja, fein", riefen die Tiere und die übrigen Waldbewohner und begannen sofort an ihrer Aufgabe zu arbeiten.
Eine ganze Weile später, es war schon dunkel geworden und eine silberne Mondsichel leuchtete vom Himmel, trafen alle wieder zusammen. Der Dachs sagte: "Der Fuchs und ich wollen ein Loch graben, in das hinein der Ritter stürzt und dann fressen ihn die Ameisen und die Mistkäfer auf." "Fein, das machen wir", riefen einige begeistert. Die Nebelfrau sagte: "Ich locke ihn in meine Hütte, dort schlag ich ihm die Zauberkugel auf den Kopf und wenn er ohnmächtig ist, binden ihn die Zwerge mit Bast und die Waldelfen flößen ihm einen Liebestrunk ein, damit er auf andere Gedanken kommt."
"Klasse, wir helfen", riefen die Kobolde.
Ein Rabe sagte: "Wir Raben und die Eichelhäher überfallen ihn und hacken auf seinen Helm bis er taub ist, und derweil stoßen ihn die Hirsche und Rehböcke mit ihrem Geweih in den Hintern, dass er nicht mehr auf seinem Pferd sitzen kann."
"Ja, ja, wir helfen hacken", riefen die Kreuzschnäbel aufgeregt.
"Halt, halt", sagte nun das Einhorn mit seiner vollen warmen Stimme. "Was tun wir da - merkt ihr nicht, dass wir schon genauso brutal werden wollen wie der angebliche Ritter? Können wir nicht einen anderen Weg finden, indem wir unsere Liebe und Güte walten lassen?"
Da wurden die Waldbewohner ganz still. Unter der Anleitung des Einhorns begannen sie zunächst, ihre Energie und Liebe zu sammeln, bis die ganze Lichtung in ein goldenes, vibrierendes Schimmern gehüllt war. Die Nebelfrau sang dann zusammen mit den Waldelfen Lieder des Heilens und des Segens. Danach sandten alle gemeinsam Wellen des goldenen Lichts an den Ritter, wo immer er sich befand. Und zu guter Letzt sprachen das Einhorn, die Nebelfrau, die Elfenkönigin und wer sonst noch in diesem Wald zaubern konnte, den Zauber des Vergessens aus. Der Zauber wirkte so gewaltig, dass seitdem alle Menschen den Zauberwald vergessen haben.
Seine Einwohner leben in Glück und Frieden und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ein Nachwort:
Manche werden sich noch fragen, was aus dem Ritter geworden ist. Nun, eines Nachts hatte er einen Energieschub, den er sich nicht erklären konnte, und dann bekam er Lust, weiterzureisen. Unterwegs traf er ein Ritterfräulein, und ganz allmählich verließen ihn die unbändige Kraft und das Misstrauen, die ihn dazu getrieben hatten, den "Schabernack" vernichten zu wollen. Ein richtig Guter ist er nie geworden, aber ein Besserer, besonders wenn das Ritterfräulein seinen Rücken massierte.